Diese Frage stellt sich früher oder später fast jeder Bauherr mit einem Bestandsgebäude:
Sanieren oder abreißen und neu bauen?
Emotional hängt man oft am Haus. Wirtschaftlich sieht die Rechnung manchmal ganz anders aus.
Das Problem: Viele Entscheidungen werden aus dem Bauch heraus getroffen – ohne die richtigen Kriterien zu vergleichen.
In diesem Artikel bekommst du eine klare, strukturierte Entscheidungshilfe, ohne Schönrechnerei.
Die wichtigste Erkenntnis vorab
Es geht nicht um:
- „Alt vs. Neu“
- „Nachhaltig vs. Abrissbirne“
- „Früher war alles besser“
Sondern um:
- Baukörper
- Substanz
- Kosten pro erreichbarem Energiestandard
- langfristige Betriebskosten
- Flexibilität für die nächsten 30–40 Jahre
Wann sich eine Sanierung lohnt
Eine Sanierung ist meist sinnvoll, wenn mehrere der folgenden Punkte zutreffen:
1️⃣ Die Bausubstanz ist gut
- tragende Wände intakt
- keine gravierenden Feuchteprobleme
- kein massiver Schädlingsbefall
- Fundament in Ordnung
👉 Faustregel:
Wenn Statik, Keller und Dachstuhl gesund sind, spricht viel für Sanierung.
2️⃣ Grundriss & Geschosshöhen passen
- ausreichende Raumhöhen
- tragende Wände sinnvoll positioniert
- Erweiterungen möglich (Anbau, Aufstockung)
Wenn du den Grundriss nur moderat anpassen musst, sparst du enorme Kosten.
3️⃣ Das Haus lässt sich energetisch sinnvoll verbessern
- Dämmung der Hülle technisch machbar
- Fenster tauschbar
- Heizsystem erneuerbar (z. B. Wärmepumpe realistisch)
➡️ Wichtig:
Nicht jedes Haus muss EH40 erreichen – aber EH70/EH55 sollte erreichbar sein, sonst wird der Betrieb teuer.
4️⃣ Sanierungskosten bleiben unter ~70–80 % eines Neubaus
Als grober Richtwert (ohne Grundstück):
- Neubau EFH: ca. 3.000–4.000 €/m²
- Sanierung sinnvoll: wenn deutlich darunter
⚠️ Achtung:
Viele Sanierungen wirken anfangs günstig – explodieren aber durch:
- Überraschungen in Wänden/Böden
- neue Vorschriften
- zusätzliche Gewerke
5️⃣ Der emotionale Wert ist hoch – und akzeptiert
- Familienhaus
- besondere Lage
- Denkmalschutz (bewusst gewählt)
👉 Emotionen sind kein Fehler, aber sie sollten bewusst in die Rechnung einfließen.
Wann Abriss & Neubau oft die bessere Wahl ist
So hart es klingt: Es gibt Situationen, da ist Neubau ehrlicher, günstiger und zukunftssicherer.
1️⃣ Schlechte oder unbekannte Bausubstanz
- Setzungsrisse
- feuchte Keller ohne realistische Sanierung
- problematische Altlasten
- Holzschäden in tragenden Bauteilen
Hier wird Sanierung schnell zum unkalkulierbaren Risiko.
2️⃣ Energetischer Totalschaden
Typisch bei Häusern aus den 50er–70er Jahren:
- ungedämmte Hülle
- viele Wärmebrücken
- niedrige Deckenhöhen
- ungünstige Fensterflächen
Wenn du:
- Fassade,
- Dach,
- Keller,
- Fenster,
- Heizung,
- Elektrik,
- Sanitär
sowieso komplett anfassen musst → Neubau prüfen!
3️⃣ Grundriss passt überhaupt nicht mehr
- kleine Zimmer
- lange Flure
- kaum Tageslicht
- keine Erweiterungsmöglichkeiten
Grundrisssanierungen sind extrem teuer – oft teurer als neu bauen.
4️⃣ Sanierung erreicht kein zukunftsfähiges Niveau
Wenn du nach der Sanierung:
- immer noch hohe Vorlauftemperaturen brauchst
- keine PV sinnvoll integrieren kannst
- keine Fußbodenheizung möglich ist
- keine Luftdichtheit herstellbar ist
… dann zahlst du 30 Jahre lang höhere Betriebskosten.
5️⃣ Neubau kostet „nur“ wenig mehr – bringt aber viel mehr
Ein Neubau bietet:
- optimale Dämmung
- perfekte Heizflächen
- niedrige Vorlauftemperaturen
- PV + Wärmepumpe von Anfang an
- saubere Luftdichtheit
- moderne Elektro- & Smart-Home-Infrastruktur
➡️ Wenn der Mehrpreis überschaubar ist, gewinnt fast immer der Neubau.
Die ehrliche Kostenfalle bei Sanierungen
Viele rechnen so:
„Sanierung kostet 200.000 €, Neubau 400.000 € – klar sanieren!“
Was oft vergessen wird:
- Sanierung = Bestand + Baustelle + Überraschungen
- Neubau = klarer Leistungsumfang
- Sanierung erreicht oft nicht den gleichen Energiestandard
👉 Entscheidend ist nicht die absolute Summe, sondern: Kosten pro erreichter Qualität & Betriebskosten über 30 Jahre
Entscheidungs-Matrix (Kurzfassung)
| Kriterium | Sanierung | Neubau |
|---|---|---|
| Gute Substanz | ✅ | – |
| Schlechte Substanz | ❌ | ✅ |
| Grundriss flexibel | ✅ | ✅ |
| Energiestandard hoch erreichbar | ✅ | ✅ |
| Energiestandard nur mittel | ⚠️ | ✅ |
| Kosten < 70 % Neubau | ✅ | ❌ |
| Langfristige Effizienz | ⚠️ | ✅ |
Praxis-Faustregel
👉 Sanieren, wenn:
- Substanz gut
- Grundriss ok
- Energetisch sinnvoll aufwertbar
- Kosten klar kalkulierbar
👉 Neu bauen, wenn:
- Substanz fragwürdig
- Grundriss schlecht
- energetischer Komplettumbau nötig
- du ohnehin alles anfassen musst
Fazit: Ehrlichkeit spart am meisten Geld
Sanierung ist kein Selbstzweck – und Neubau kein Luxus.
Die richtige Entscheidung ist die, die:
- technisch Sinn macht
- wirtschaftlich tragfähig ist
- dich nicht 20 Jahre lang ärgert
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